Die Forschungsergebnisse der von Rudolf Steiner (1861–1925) begründeten Geisteswissenschaft (Anthroposophie) bilden die Grundlage der Anthroposophischen Medizin. Zusammen mit der holländischen Ärztin Dr. med. Ita Wegman (1876–1943) sowie weiteren Ärztinnen und Ärzten erarbeitete er eine Diagnostik und Therapien, die dem geistigen Wesen des Menschen in derselben Weise gerecht werden können wie seiner seelischen und körperlichen Konstitution. Sie verfolgt konsequent einen salutogenetischen Ansatz auf der Basis des anthroposophischen Menschenbildes.

Ihr Verhältnis zur naturwissenschaftlichen Medizin
Die konventionelle Medizin gewinnt durch die zunehmende Spezialisierung und analytische Diagnostik auf der einen Seite einen immer tieferen Einblick in die Einzelheiten des menschlichen Organismus. Gleichzeitig droht sie jedoch auf der anderen Seite den Sinn-Zusammenhang, in welchem die Einzelheiten erst verständlich sind, zu verlieren.
Genau an diesem Punkt wird die naturwissen-schaftliche Medizin von der Anthroposophischen Medizin nach den Regeln der Wissenschaftlichkeit ergänzt. Dies hat bedeutende Folgen für Diagnostik, Therapie und für die ärztliche Ethik.

Ihr Wissenschaftsverständnis
Die wissenschaftliche Welt, die seit dem 19. Jahrhundert immer konsequenter alle Erscheinungen auf Teilchen zurückführt und damit teilweise auch heute weiterhin das reduktionistisch-deterministische Weltverständnis – ganz besonders in der Medizin – verfolgt, hat im 20. Jahrhundert grenzverschiebende, nachhaltige Einschläge erlebt!

Rudolf Steiner brachte anfangs des 20. Jahrhunderts einen entscheidenden Gesichtspunkt in die Wissenschaftsdiskussion hinein, als er sagte, dass der Wissenschafts-Begriff ohne die Erkenntnis des Menschen als geistiges Wesen wertlos sei, denn jedes wissenschaftliche Urteil komme durch das Denkvermögen des Forschers zustande und dieses sei zunächst eine rein geistige Tätigkeit! Das Bewusstwerden des Gedachten allerdings stütze sich sehr wohl auf die neuronalen Vorgänge des Gehirns ab, nicht aber das Denken selbst, so Steiner. Eine ernstzunehmende Beschreibung des Erkenntnisvorgangs mit weitreichenden Folgen.

Unterstützt wurden Steiners Bedenken am analytischen Paradigma wenig später aus ganz anderer Richtung: Die Quantenphysik begann, das gängige universitäre Weltverständnis mit der Forderung zum Umdenken im Bereich der wissenschafts-theoretischen Fundamente zu konfrontieren, was sie bis heute tut. Sie beweist experimentell und beschreibt, dass die Materie ihrem Wesen nach ganzheitlichen Charakter hat und nur im Rahmen einer Messung (Analyse) als Teilchen mit Bruchstückcharakter in Erscheinung tritt.
Alles entsteht aus Ganzheiten, die wir allerdings nicht mit Augen sehen können! Hängt damit zusammen, dass das reduktionistisch-deterministische Paradigma – das Credo der heutigen Wissenschaft – bisher selbst seine irreversible Ausserkraftsetzung und Widerlegung durch die moderne Physik überlebte?

Beide dieser wissenschaftsgeschichtlichen Einschläge fordern ein neues Herantreten an die Erscheinungen der Welt, ein neues Forschungsverständnis: beide ausgerichtet – nicht einseitig auf die durch Analyse konventionell erforschten Fakten und Wissens-Bruchstücke – sondern auf deren Sinnzusammenhang, auf das geistige Band, welches dem Erforschten zugrunde liegt – auf die Ganzheit. Mit diesem Ansatz hängt eine zukünftige wissenschaftliche Gesinnung
und Arbeit zusammen – sie ist offen für alles und frei von Partikularinteressen und Dogmen.